Gedichte

25. okt, 2019

 

 

 

 

 

Wenn die Kraniche dich grüSen
Steh'n sie nicht auf ihren FüSen
Sie fliegen unter'm Himmelszelt
Fort in eine and're Welt

Gleiten auf der Winde Wellen
Hin zu lichten grünen Stellen
Wo Sonnenglanz sie warm umhüllt
Und Nahrung ihren Hunger stillt

Während sie vorm Frost hier fliehen
Schreiben sie im Weiterziehen
An die Wolken feine Zeichen
Die den Hieroglyphen gleichen


@ Carsten Linde

17. okt, 2019

 

 

 

 

 

 

Seht jene Kraniche in großem Bogen!
Die Wolken, welche ihnen beigegeben
Zogen mit ihnen schon als sie entflogen
Aus einem Leben in ein anderes Leben.

In gleiger Höhe und mit gleiger Eile
Scheinen sie alle beide nur daneben.
Daß so der Kranich mit der Wolke teile
Den schönen Himmel, den sie kurz befliegen

Daß also keines länger hier verweile
Und keines anderes sehe als das Wiegen
Des andern in dem Wind, den beide spüren
Die jetzt im Fluge beieinander liegen:

So mag der Wind sie in das Nichts entfüren.
Wenn sie nur nicht vergehen und sich bleiben
So lange kann sie beide nichts berühen
So lange kann man sie von jedem Ort vertreiben

Wo Regen drohen oder Schüsse schallen.
So unter Sonn und Monds verschiedenen Schreiben
Fliegen sie hin, einander ganz verfallen.
Wohin ihr? - Nirgend hin. Von wem davon? - Von allen.

Ihr fragt, wie lange sind sie schon beisammen?
Seit kurzum. - Und wann werden sie sich trennen? - Bald.
So scheint die Liebe Liebenden ein Halt.


© Bertolt Brecht